Die Kanone der Bengelschiesser

Kanone

Die Kanone der Bengelschiesser, ein Teil ihres Ursprungs und Identität.

Wie es bereits mehrfach im Rahmen dieser Website angeklungen ist, haben die Bengelschießer ihren Ursprung in den Ereignissen des Bauernaufstandes im Jahre 1525. Wen wundert es, dass die martialisch wirkende Kanone, mit der damals die Bengel verschossen worden sind, das Symbol der Böhringer Fasnet darstellt.

Die Zunft trägt zwar erst seit dem Jahre 1963 offiziell den Namen „Bengelschießer“, eine Kanone wurde aber bereits in den 30er Jahren an der Fasnet mitgeführt. Die in Eigenbau aus Holz hergestellte Ummantelung war mit einem dünnen Metallrohr versehen und wurde als Vorderlader mit Schwarzpulver gestopft. Jeder Schuss verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm und verschaffte den Böhringer Narren gehörigen Respekt. Schon damals sagte der Böhringer Narrensamen in allen Winkeln und Straßen des Dorfes den Narrenspruch auf: „Bengelschießer mit Kanon´, schieß, schieß, schieß, sunscht goht de ganze Wald verlore, schieß, schieß, schieß!“

Im Jahre 1951, als die Fasnacht nach den Wirren des 2. Weltkrieges langsam wieder auflebte, erinnerte man sich des guten Stücks und es wurde aus seinem langjährigen Versteck in der Mosterei Graf hervorgeholt. Einigermaßen restauriert wurde sie von den seinerzeit noch „wild“ agierenden Holzhauern und Böhringer Bauern mitgeführt, die in Rupfenkleidung gewandet an der Fasnet in Dorf und an den Umzügen in der Nachbarschaft teilnahmen. Zu besonderen Ehren kam die Kanone bei der Aufführung des von Friedrich Uhl verfassten Heimatstücks über den Bauernkrieg im Jahre 1954. Die mächtigen Böllerschüsse verliehen dem Stück eine besondere Autenzität und es wurde nicht zuletzt dank dieses Requisits von den Zuschauern mit viel Beifall bedacht.

In den Folgejahren geriet die Kanone irgendwo in einem Schuppen abgestellt wieder etwas in Vergessenheit. Zum Ende der 50er Jahre, den Ursprüngen der Bengelschießerzunft in der heutigen Form, wurde sie dann endgültig zum festen Bestandteil der Fasnet. Obwohl sie mit einem neuen Fahrgestell versehen war, stellte sie nicht gerade ein Schmuckstück dar, aber mit immer abenteuerlicheren Pulverladungen gestopft erfüllte sie vollends ihren Zweck, nämlich mit lautem Knall den „Feind“ in Angst und Schrecken zu versetzen. Ohne den mittlerweile etwas gesetzteren Herrn zu nahe zu treten, damals waren sie noch rechte Lausbuben und für jeden Schabernack zu haben. Die Kanone erwies sich als dankbares Objekt für immer neue Versuche. Abseits vom Fasnachtsgeschehen wurden in der freien Landschaft alle möglichen Gegenstände mit mehr oder weniger Erfolg verschossen. In ihrer Unbekümmertheit war den jungen Narren kaum bewusst, mit welch gefährlichen Dingen sie seinerzeit hantierten. Am Fastnachtsdienstag des Jahres 1965, als man versuchte, alle bisherigen Rekorde zu brechen und einen Bengel stolzen Ausmaßes mit einer ebensolchen Ladung zu verschießen, zerbarst das gute Stück in 1000 Einzelteile. Glücklicherweise kam niemand zu Schaden, aber allen wurde von nun an bewusst, dass doch eher Vorsicht geboten war.

Dennoch wollten die Bengelschießer auf ihr mittlerweile traditionelles Requisit an der Fastnacht nicht verzichten, zudem machte die Ballerei auch angesichts der jüngsten Erfahrungen nach wie vor einen Heidenspaß. Schon an der nächsten Fasnacht verfügten die Bengelschießer wieder über eine neue, stattliche Kanone, die heute noch zum Einsatz kommt. Die Vereinsmitglieder hatten das ganze Jahr über kräftig daran gearbeitet und die gefällige Feinform des Rohres war von Anton Konzept gedrechselt worden. Die weitaus sicherere Schusstechnik hatten zum Bedauern aller das Manko, dass die Böller nicht mehr annähernd so laut waren, als die aus der zerstörten Kanone.

Eine Kanone mit einem solch harmlosen Geräuschpegel war für die Tüftler im Verein wahrhaft nicht standesgemäß, so setzten sie in Windeseile alles daran, Abhilfe zu schaffen, was ihnen letztlich auch gelang. Beim Umzug in Radolfzell machten die Bengelschießer die Stadt wieder mit Riesenböllern unsicher, allerdings war die Handhabung der Kanone dadurch nach wie vor nicht ganz ungefährlich. Um auch in Zukunft Schäden irgendwelcher Art zu vermeiden wurde die Kanone in den Folgejahren mit immer neuen Schusstechniken versehen, zuletzt begnügte man sich damit, das Pulver durch einen Federzug zu ersetzen und nur noch Chinaböller im Rohr anzuzünden. Im Übrigen verpflichteten auch die immer strengeren Vorschriften dazu, den Sicherheitsaspekt immer höher zu bewerten. In jüngster Vergangenheit wurde die Kanone mit einem ordnungsgemäßen Verschluss versehen und vom Beschussamt abgenommen. Sie entspricht damit voll den einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen. Der Beschuss erfolgt mit Kartuschen, wobei hierfür nur eigens ausgebildete Mitglieder der Bengelschießergruppe zugelassen sind. Sie müssen über einen Böllerschein verfügen, der nach einem entsprechenden Lehrgang erteilt wird. Die neue Technik und die gebotene Vorsicht haben aber der Freude und dem richtigen Fasnachtsspaß um das immer noch beste Stück der Bengelschießer keinen Abbruch getan. Durch ihr gefälliges Äußeres und nicht zuletzt durch den ohrenbetäubenden Lärm, den sie je nach Füllung der Kartusche verursacht, ist sie sowohl im Dorf als auch außerhalb bei Umzügen und Narrentreffen ein gern gesehener Blickfang und verschafft der Zunft gehörigen Respekt.